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Ein Werk von tiefgründiger Spiritualität

Vorschau aufs Kaleidoskop von ITE 2026/2: Manchmal ist der Text zu lang und dann stellen wir die Lang-Version auf die Homepage und publizieren die Kurzversion im Magazin ITE. Hier also die Online-Version:

Picassiette – ein Werk von tiefgründiger Spiritualität

Wer Chartres besucht, tut dies vor allem wegen «Notre-Dame de Chartres». Sie ist die bedeutendste der gotischen Kathedralen Frankreichs und heute Teil des UNESCO-Weltkulturerbes. Wer etwas mehr Zeit hat, kann aber auch einen unvergleichlichen Schatz naiver, religiöser Kunst entdecken; das mit 3 Mio. Mosaiksteinchen dekorierte Wohnhaus von Raymond Isidore (1900 – 1964), die «Maison Picassiette».

Von Beat Baumgartner

Auf der Rückreise von der Bretagne in die Schweiz machen wir Zwischenhalt in Chartres und bestaunen das Gesamtkunstwerk der «Notre-Dame de Chartres» aus dem 13. Jahrhundert mit ihren 176 Original-Glasfenstern von einzigartiger Leuchtkraft. Sie gelten als wertvollste Sammlung von Kirchenfenstern in Europa. Spontan verlängern wir unseren Aufenthalt, geniessen am Abend die aufwendigen Lichtspiele «Chartres en Lumière» und machen am nächsten Tag bei einem Fahrradausflug eine unvergessliche Entdeckung: Die «Maison Picassiette», ein Juwel der «Art brut», versteckt in einem Aussenquartier der Kleinstadt, der Eingang zum Haus kaum zu finden.

Wie Adolf Wölfli ein Vertreter der «Art Brut»

«Art brut» – naive Kunst – da kommt mir als erster der mittlerweile weltberühmte Künstler Adolf Wölfli (1864-1930) in den Sinn, der die letzten 35 Jahre seines Lebens wegen Schizophrenie in der Psychiatrischen Anstalt Waldau bei Bern lebte und hier ein Monumentalwerk von Zeichnungen, Collagen, Musikkompositionen, Erzählungen und Gedichten schuf. Es gibt Parallelen aber auch Unterschiede zum «Art brut»-Künstler Raymond Isidore aus Chartres, doch auch dieser schuf ein «Monumentalwerk» aus Keramiksteinchen, Zeichnungen, Malereien und Figuren.

Von einfacher Herkunft

1900 als siebtes von acht Kindern in eine einfache Arbeiterfamilie hineingeboren, der Vater wegen seines Berufs oft länger ortsabwesend, erhielt Raymond nur eine rudimentäre Schul-, aber keine richtige Ausbildung. Er arbeitete zeitlebens als Hilfsarbeiter an verschiedenen Stellen, 1935 wurde er von der Stadt als Strassenarbeiter und -kehrer angestellt und war seit 1949 bis zu seiner Pensionierung 1958 als Friedhofsangestellter tätig. 1924 heiratete er die um einiges ältere Witwe und Näherin Adrienne Rolland, Mutter von drei Kindern. 1929 erwarb Raymond Isidore an der Rue de Repos ein kleines Grundstück, wo er für seine Familie ursprünglich nur ein bescheidenes Wohnhaus mit drei Zimmern plante und mit seinen beiden Stiefsöhnen Michel und Bernard auch zu bauen begann.

Zufälliger Beginn als «Künstler»

Raymond dachte anfänglich weder daran, das Haus zu dekorieren, noch sah er sich als Künstler. Es begann – wie er selber später erzählte – 1938 eher spontan: «Ich habe zuerst mein Haus gebaut, um uns zu beherbergen. Nach der Fertigstellung … ging ich auf den Feldern spazieren, als ich zufällig kleine Glas- und Porzellanscherben sowie zerbrochenes Geschirr sah. Ich sammelte sie ohne bestimmte Absicht, nur wegen ihrer Farben und ihres Glitzerns. Ich sortierte das Gute aus und warf das Schlechte weg. Ich häufte die Scherben in einer Ecke meines Gartens an. Dann kam mir die Idee, ein Mosaik daraus zu machen, um mein Haus zu dekorieren. Zunächst dachte ich nur an eine Teildekoration, die sich auf die Wände beschränken sollte».1 

Raymond begann mit den Wänden, ging dann zu Decken und Böden über, weiter zu den Möbeln und Gegenständen, verzierte schliesslich das Haus auch aussen, die Tore, Wege und Gärten. 1956 baute und schmückte er eine Kapelle und sein «Sommerhaus» und kaufte ein Nachbarsgrundstück. In der Kapelle etwa umgeben Laubgirlanden und abstrakte Muster ein grosses Kreuz mit Rosenknospen und eine Krippe.

Der Traum als Quelle seiner Motive

Jede freie Zeit verbrachte Isidore damit, in der weiteren Umgebung auf den Feldern und Müllhalden nach zerbrochenen Stücken Keramik und farbigem Glas zu suchen. Doch wie kam er schliesslich zu den unzähligen, oft christlich-religiösen geprägten Motiven, mit denen er sein Haus und die Umgebung dekorierte? Es war ein Traum, der ihm eines Nachts erschien, seine angehäuften Scherben zu etwas Neuem zusammenzusetzen, wie er später dem Journalisten Robert Giraud erzählte. «Die Nacht diktierte mir, was ich zu tun hatte», erinnerte Raymond Isidore sich. «Ich sah mein Motiv vor mir, als ob es wirklich existierte ...»2

Die künstlerischen Resultate, die Mosaiken, Fresken und gemalten Bilder überraschten selbst ihren Schöpfer: «Ich, der ich nie in meinem Leben gezeichnet habe, verstehe nicht, wie ich zu einem solchen Ergebnis gekommen bin,» sagte Raymond Isidore in besagtem Interview mit Robert Giraud.

Das kleine Haus und die anderen Bauten schimmern vor Schiffen, Blumen, Vögeln, Schwänen, Bienen, Sonnenbetrachtungen, Städten und Kirchen, christlichen Symbolen und Marienstatuen, prächtigen Blumenarrangements, Selbstbildnissen von Raymond und seiner Frau Adrienne. Jedes noch so kleine Objekt des Hauses bekleidete Raymond mit glitzernden Glas- und Keramikmotiven, positiv, farbenprächtig, aus seinem Alltag, der Natur und der Religion. «Eines Tages werde ich aufwachen,» scherzte seine Frau, «und du hast mich vollständig mit Mosaiksteinchen bedeckt.»

Zuerst verspottet, dann sogar von Picasso besucht

Wie Raymond Isidore zu seinem Übernamen «Picassiette» kam, ist nicht ganz klar: Eine Version lautet, dass Nachbarn ihn so verballhornten als «Pique» = Stehlen und Assiette = Teller – also der Tellerstehler. Gemäss einer anderen Version haben zwei Journalisten 1952 in einer Reportage des Magazins Radar ihm diesen Übernamen gegeben. Doch all diese Hänseleien und Spöttereien konnten seinen wachsenden Ruhm nicht stoppen und langsam schlug in seiner Umgebung die Skepsis in Bewunderung um. Sogar Picasso, der sich zur «Art brut» und zur primitiven Kunst hingezogen fühlte, machte 1964 Raymond Isidore seine Aufwartung, was für Isidore, der bis dahin als verrückt galt, einen Ritterschlag bedeutete.

Geprägt durch eine tiefe Spiritualität

Raymond Isidore war kein Mann der grossen Worte, aber einer tiefen, ganzheitlichen, nicht dogmatischen Spiritualität. Oder wie es im Museumsprospekt steht: «Das Werk von Raymond Isidore zeigt eine grosse Liebe für: seine Frau Adrienne, seine Stadt Chartres, seine Kathedrale Notre-Dame von Chartres. (Sein Werk) zeugt auch von seiner grossen Liebe zur Natur, den Tieren und den Blumen, es ist Ausdruck seines persönlichen Glaubens…, seiner Liebe zu den göttlichen und weltlichen Müttern, die beide den Namen Maria tragen.» Raymond Isidor fühlte sich «durch den (Heiligen) Geist geleitet». «Raymond vermittelt uns sein inneres Universum und seinen spirituellen Weg, sein Verständnis der Welt, der Menschen und ihrer Paradoxien. Er teilt mit uns sein Verständnis der biblischen Texte und lädt uns ein, nachzudenken über den Sinn unseres Lebens auf Erden und über die Existenz eines Paradieses…, innerlich oder nach dem Tod.»

Raymond Isidore hatte angeblich immer eine Bibel bei der Arbeit dabei und er wollte dezidiert nicht, dass man ihm bei der Arbeit zuschaute. Sein Gesamtwerk beendete er, wohl in einer leisen Vorahnung auf seinen baldigen Tod, 1962 mit dem «Grab des Geistes». Zweimal in seinem Leben wurde er in die Psychiatrie eingewiesen, einmal während des zweiten Weltkrieges wegen eines «Demenzanfalles» und das zweite Mal 1964. Am 6. September desselben Jahres fand man ihn zusammengebrochen ausserhalb der Klinik, am darauffolgenden Morgen verstarb er. 1981 schliesslich erwarb die Stadt Chartres die «Maison Picassiette», 1983 erhielt das Gebäude den Titel «historisches Denkmal», 2017 vom französischen Kulturministerium die Bezeichnung «bemerkenswerte zeitgenössische Architektur».

www.maison-picassiette-chartres.com

 

Box Facts & Figures

Insgesamt arbeitete Raymond Isidore 33 Jahre an seinem Haus und den kleineren Gebäuden und dem Garten

15 Tonnen Material hat er dafür gesammelt, zerbrochenes Geschirr, Steingut und vielfarbige Glasscherben.

Um die 3 – 4 Mio. Mosaikstücke sollen so zusammengekommen sein.

Gemäss seiner Frau hat er an seinem Werk 29 000 Stunden gearbeitet.

Hunderte von Kilometern ist er im Umland von Chartres herumgestreift, um Scherben und Glasstücke zu suchen.

 

Quellen:

1(https://www.chartres.fr/patrimoine-historique/maison-picassiette-raymond-isidore).

2 (https://www.artsy.net/article/artsy-editorial-cemetery-caretaker-covered-cottage-mind-bending-mosaics).