Nachteulen für die Kapuziner
Aus ITE 2026/1: Walter Ludin: Ich erlebe die Menschen in der Nacht offener, spiritueller. «Eulen» werden sie liebevoll in manchen Spitälern und Heimen genannt: Die Frauen – und wenigen Männer –, die in der Nacht die Patienten und Patientinnen betreuen. Auf der Pflegeabteilung des Kapuzinerkloster Schwyz sind dies Susanne Bellmont, Carmen Dittli, Helga Glaser und Marie-Theres Lagler. Wir haben mit ihnen über ihr Engagement geredet.
Warum habt Ihr Euch entschlossen, nachts zu arbeiten?
Susanne: Ich habe bei der Pflege meines Schwiegervaters mitgeholfen, vor allem nachts. Dies hat mich auf den Geschmack gebracht, während der Nacht zu arbeiten; seit zehn Jahren hier im Kloster.
Carmen: Ich bin ein ausgesprochener Nachtmensch. In der Nacht fühle ich mich am wohlsten. Es ist für mich ein Riesenglück, dass ich diese Stelle bekommen habe.
Helga: Eine Freundin, die hier in der Nacht gearbeitet hat, zog sich für ein halbes Sabbat-Jahr zurück und fragte mich, ob ich sie ersetzen würde. Mittlerweile bin ich schon zwei Jahre hier.
Marie-Theres: Ich führe mit meinem Mann einen Bauernhof. Da ist es gut, wenn ich tagsüber zuhause bin. Und ich freue mich, wenn ich zwischendurch aus dem Haus und unter die Leute komme.
Wie fühlst du dich in der Nacht nach dem Motto: «Stille Nacht, einsam wacht – nur ich»?
Susanne: In der Nacht ist alles ruhiger, entspannter. Ich werde nicht abgelenkt, kann mich leichter konzentrieren und in meinem eigenen Rhythmus arbeiten.
Carmen: Ich arbeite gerne allein. Es ist mir wohl, wenn ich auf niemanden Rücksicht nehmen muss. Und vor allem: Nachts hat man mehr Zeit, mit den Brüdern zu reden; vor allem auch, um sich den Sterbenden zuzuwenden.
Helga: Ich habe keine Angst vor schwierigen Situationen. Dies hat sicher auch mit meiner grossen Erfahrung zu tun – und dass ich keine ängstliche Person bin. Ausserdem bin ich gern allein. Und auch: Man erlebt in der Nacht die Menschen anders als am Tag: offener, spiritueller.
Marie-Theres: Zurzeit ist auf unserer Pflegestation ruhiger als auch schon. Ich bin froh, wenn ich zwischendurch etwas schlafen kann. Doch ich bin auch schlafend hellhörig. Ich höre – und spüre es auch! –, wenn jemand meine Hilfe braucht.
Wer von euch möchte von einer besonderen Situation erzählen, die sie erlebt hat?
Marie-Theres: Einmal war ein Bruder sehr unruhig. Als ich nachts in sein Zimmer kam, stand sein Bett diagonal im Raum. Er lag unter dem Bett. Ich überlegte, wie er dorthin gekommen war, da der Raum zwischen Boden und Bett recht begrenzt ist. Vor allem fragte ich mich, wie ich ihn wieder hervorziehen könnte …
Box Selbstständig – und mehr Zeit für Gespräche WLu.
Auch wenn Uneinsichtige es nicht wahrhaben wollen: Es gibt »Lerchen», Menschen, die am frühen Morgen am aktivsten sind; und «Eulen», sie sind bis spät in der Nacht hinein putzmunter. Zu diesen gehören offensichtlich die hier vorgestellten Pflegefachfrauen der Kapuziner in Schwyz. Sie werden zwar in der Gemeinschaft gewöhnlich «Nachtwachen» genannt. Korrekt bezeichnet sind sie im «Bereitschaftsdienst». Jede Nacht verrichtet jeweils eine von ihnen ihre Arbeit von 21 bis 23 Uhr. Dann dürfen sie sich ausruhen, müssen aber bei ausgelöstem Alarm für Notfälle bereit sein und allenfalls bei schwer Kranken von Zeit zu Zeit nachschauen. Ab 5 Uhr sind sie wieder an der Arbeit, da dann (oder bereits vorher!) der eine oder andere Bruder bereits aufsteht.
Auf meine Frage nach den nächtlichen Geräuschen erhalte ich eine ganze Palette von Antworten. Eine erste ist tierischer Art: Im Estrich über dem Zimmer, in das sich die «Nacht-Pflegefachfrauen» zurückziehen, spaziert bisweilen ein Marder durch die Gegend. Früher, vor Corona, haben oft etliche Leute rings ums Kloster ihre nächtlichen Partys abgehalten. Aber vor allem: Es gibt öfters menschliche Geräusche: Husten, Stöhnen, Reden im Traum … Und früher häufiger als heute hat Bruder H. in der Nacht, im Pyjama hinter dem Altar der Krankenkapelle stehend, sein Lieblingslied gesungen: «Weit wie das Meer ist Gottes grosse Liebe …» Im Gespräch mit den einfühlsamen Eulen fiel mir auf: Jede ist glücklich, im Kloster zu arbeiten. Auf die Frage nach der Zukunftsperspektive beteuern sie, dass sie hier bis zu ihrer Pensionierung bleiben wollen.