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ITE 2026/1 Nacht: gefürchtet - geliebt - gefeiert

Edito: Als junger Kapuziner war ich vom alttestamentlichen Jakob fasziniert. Sein nächtlicher Kampf mit dem Unbekannten am Jabbok faszinierte mich (vgl. Genesis 23,23-30). Gesegnet und mit neuem Namen (Israel) geht Jakob aus dem Kampf hervor und versöhnt sich am kommenden Tag mit seinem Bruder Esau. Auch ich betete damals ab und zu in der Nacht und spürte dabei Gottes Nähe besonders. Gut, als Student löste ich Computerprobleme auch am besten nach Mitternacht und die Fasnacht war vor allem in der Nacht mein Tummelfeld. Die Nacht war damals mein spezieller und verheissungsvoller Begleiter des Lebens.

Heute bin ich bereits um neun Uhr abends müde und würde in der Nacht weder im  Gebet noch im Beruf Grosses von mir erwarten. Auch Feste sind heute nach zehn Uhr  abends für mich nur noch mühsam. Da hat sich bei mir also einiges gewandelt. Selbst Krankenversicherer beschreiben diese beiden Personentypen und unterscheiden bei den Schlaftypen Eulen von Lerchen. Als junger Mensch war ich eine Eule. Am Morgen hatte ich stets einen «Social Jetlag», und man musste vor dem Mittagessen nicht viel von mir verlangen. Häufig putzte ich und «bäschelte» etwas. Am Nachmittag ging es los mit mir und nach acht Uhr abends hatte ich die produktive Phase. In Luzern war ich die ganze Nacht an der Fasnacht unterwegs und um sechs Uhr war ich beim Morgengebet im Kloster. Anschliessend aber im Bett.

Heute bin ich wohl eine extreme Lerche geworden. Ich bin schon vor dem offiziellen Morgengebet am Meditieren und stehe leicht auf. Vor dem Mittag ist bei mir die produktive Zeit. Das heisst in der Fachsprache, dass meine molekularbiologische innere Uhr schneller läuft als die effektive Tageszeit. In Mitteleuropa gäbe es mehr Eulen als Lerchen, zeigen Untersuchungen. Die meisten Menschen sind jedoch Mischtypen, die sich nicht klar als Eule oder Lerche identifizieren können.

Liebe Leser, Leserinnen, die Nacht kann uns also einiges Verheissen. Und solchen Kämpfen und Begegnungen geht diese ITE-Ausgabe nach. Unter Künstlern und Pflegefachfrauen gibt es und braucht es übrigens Eulen, wie die folgenden Geschichten im Heft aufzeigen. Und viele christliche Hochfeste werden besonders in der Nacht gefeiert. Viel Freude Ihnen beim Lesen.

Pace e bene

Adrian Müller

Kapuziner, Chefredaktor

www.adrianm.ch