Heilige Theologie
ITE 2026/2: Ist die akademische Theologie, wie sie sich Kirche und Staat in der Schweiz leisten, ein Luxus? Nein, meint der Kapuziner und Forscher Adrian Holderegger. Einerseits begleitet diese Theologie kritisch die kirchliche Praxis, andererseits ist sie ein Ort gegen das Abgleiten der Glaubensrichtungen in den Fundamentalismus.
Die Stimmen sind nicht wenige, die meinen, die kostspieligen theologischen Fakultäten, sollten aufgehoben oder zumindest stark reduziert werden. Die Aufgaben, die sie für Kirche und Gesellschaft wahrnehmen, könnten durchaus von seminarähnlichen Institutionen und ausschliesslich kirchlich geführten Hochschulen erfüllt werden.
Interessanterweise finden sich solche Stimmen nicht bloss im liberal-säkular politischen Lager, sondern auch in konservativ-kirchlichen Kreisen, denen kirchlich-staatliche Einrichtungen mehr als nur suspekt sind und für eine absolute Trennung von Kirche und Staat plädieren. Es lohnt sich daher, etwas genauer hinzuschauen, welche Aufgaben und Funktionen die akademische Theologie für die Schweizer Kirchen und die Schweizer Gesellschaft erfüllen.
Historisch gewachsen
Zurzeit wird in der viersprachigen Schweiz Theologie an theologischen Fakultäten gelehrt und geforscht: Reformierterseits in Zürich, Bern, Basel, Lausanne und Genf und katholischerseits in Fribourg, Luzern, Chur und Lugano. Christkatholische Theologie kann an der Fakultät in Bern belegt werden. Die theologischen Fakultäten sind fast ausnahmslos in die staatlich bzw. kantonal geführten Universitäten integriert. Der Grund liegt vor allem in der engen historischen Verbindung von Staat und Kirche seit dem Mittelalter, insbesondere seit der Reformation.
Die erste etablierte, universitäre Theologie gibt es in der Schweiz mit der (päpstlichen) Gründung der Universität Basel im Jahr 1460. Andere Universitäten z.B. Zürich, Genf sind aus reformatorischen Ausbildungsstätten – den sogenannten Predigerschulen – hervorgegangen, während die modernen, im 19. Jahrhundert entstandenen theologischen Fakultäten etwa Zürich, Bern, Fribourg selbstverständlich in den Wissenschaftsbetrieb und in den Fächerkanon der Universitäten integriert wurden.
Dies geschah nicht nur deshalb, weil die Theologie seit Anbeginn der Universitäten in Europa zum offiziellen Fächerkanon gehörte, denn die Theologie galt bis weit über das Mittelalter hinaus als «höchste Wissenschaft», sondern auch weil die Kantone, in deren Obhut die Universitäten stehen, zuständig waren für Bildung und Religion. Das führte in vielen Kantonen zur Errichtung von Landeskirchen, zu öffentlich-rechtlichen Körperschaften. Das Verhältnis wird bis heute durch ein komplexes juristisches Regelwerk geregelt. Aufgrund ihrer Zuständigkeit waren die Kantone auch interessiert an einer fundierten, akademischen Ausbildung des Kirchenpersonals, die insbesondere an den Universitäten gewährleistet werden sollte. Diese historische Aufgabe ist bis heute eine der primären Aufgaben der theologischen Fakultäten geblieben, auch wenn sich ihr Aufgabenprofil in den letzten Jahrzehnten verändert und ausdifferenziert hat.
Zentraler Beitrag
Der wesentliche Auftrag der akademischen Theologie liegt also nach wie vor in der Ausbildung von kirchlichen Verantwortungsträgerinnen und Verantwortungsträgern, von Geistlichen und Pastorinnen, von Seelsorgerinnen und Seelsorgern und qualifizierten Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen im sozial-karitativen Bereich. Diese erwerben in ihrem Studium nicht nur Kenntnisse der biblischen Texte – der Basis jeglicher Theologie –, wie auch der christlichen Tradition, sondern auch die Fähigkeit zur methodischen Reflexion des Glaubensbestandes. Und sie lernen den eigenständigen Umgang damit sowie eine verantwortliche Vermittlung in unsere heutige Zeit mit ihren spezifischen Problemen. Dies ist für die theologischen Lehrinstitutionen von grundlegender Bedeutung, da die Kirchen auf wichtige theologische Kompetenzen in Verkündigung, in der pastoralen Preis und in den liturgischen Feiern angewiesen sind.
Dies erfolgt unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen, die gekennzeichnet sind durch einen zunehmenden Meinungspluralismus wie auch durch eine zunehmende Säkularisierung und Distanziertheit gegenüber Religiösem, insbesondere gegenüber kirchlich-gebundener Religiosität. In diesem schwieriger gewordenen Umfeld möchte die Theologie sicherstellen, dass kirchliches und pastorales Handeln nicht ausschliesslich von pragmatischen und traditionellen Erwägungen geprägt ist, sondern auf reflektierten und argumentativ ausgewiesenen Grundlagen beruht. Es ist und bleibt für die Theologie eine Gratwanderung, dass sie sich im «Haus der Wissenschaften» an den Universitäten kompetent einbringen kann, und dass sie sich anderseits nicht bloss im Abstrakten verbleibt, sondern das Ausbildungsziel der Studierenden, die sich später in dem Paris zu bewähren haben, nicht aus den Augen verliert.
Auch hier: Erneuerung
Die akademische Theologie steht vor einer vielfältigen Herausforderung: Die sinkende Zahl der Theologiestudierenden rückt die Frage nach der Zusammenlegung von Fakultäten immer mehr in dem Vordergrund. Dies gilt für alle Konfessionen. Budgetäre Überlegungen beschleunigen diesen Prozess. Auch wenn der politische Mainstream im Moment noch an den theologischen Fakultäten grundsätzlich festhält, so wird sich inskünftig die Frage nach dem Status der bekentnisgebundenen Theologie an den staatlichen Universitäten noch dringlicher stellen. Die Fakultäten setzen sich zum grossen Teil mit diesen Herausforderungen bereits auseinander, indem eine Zusammenarbeit über die Konfessionen hinweg gesucht und ebenfalls das Studium anderer Religionstraditionen, z.B. des Islam und des Judentums, in den Fächerkanon aufgenommen wird. Ein kürzlich publizierter Band mit dem Thema «Theologisches Schaffen in der Schweiz» dokumentiert anhand von 60 Theologinnen- und Theologen-Portraits diese Reichhaltigkeit und Qualität theologischer Reflexion.
Und dennoch: die Verantwortlichen sollten den Umstand nutzen, dass die Theologie unbestritten zu unserer Reflexionskultur gehört und dass von ihr ein Beitrag zur Gestaltung unserer Gesellschaft erwartet wird. Sie sollten beherzt Reformen in Lehre, Forschung und Ausbildung in Angriff zu nehmen. Für die kantonalen Gymnasien ist es eine Selbstverständlichkeit, dass in regelmässigen Abständen Ausbildungsziele und Fächer aufgrund gesellschaftlicher Erfordernisse angepasst werden. Dies sollte auch für die theologische Ausbildung gelten. Die Zukunftsfähigkeit hängt wesentlich davon ab, inwiefern die Theologie ihre wissenschaftliche Relevanz überzeugend zum Ausdruck bringen kann. Wo Theologie sich ausschliesslich als binnenkirchliche Reflexion versteht – diese Versuchung ist durchaus gegeben –, verliert sie an gesellschaftlicher und universitärer Berechtigung. Wo sie hingegen als historisch-kritische, methodisch reflektierte und kohärent argumentierende Disziplin auftritt, kann sie ihren Beitrag in wichtigen gesellschaftlichen Fragen z.B. der Umwelt- und Friedensverantwortung durchaus plausibel machen.
Theologie wird aber nicht bloss an Fakultäten betrieben, sondern es gibt – nebst herausragenden freischaffenden TheologInnen-Persönlichkeiten - auch para-universitäre Ausbildungsstätten: Sie reichen von freikirchlichen Bibelschulen (z.B. St. Chrischona, Basel) bis zu theologisch-spirituellen Bildungsstätten im Bereich der Erwachsenenbildung (z.B. Foyer franciscain, St-Maurice). Diese gehören ebenfalls zum Reichtum theologischer Glaubensreflexion in der Schweiz.
Reflexionsbeitrag
Es ist unbestritten: die theologischen Fakultäten leisten einen wichtigen Beitrag zur allgemeinen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Reflexion über Religion. Religion ist ein grundlegender Bestandteil menschlicher Kultur und hat unser Recht, unsere Kunst, Moral und Politik entscheidend geprägt. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Erbe trägt zum Verständnis der kulturellen und historischen Zusammenhänge bei. Sie hilft das historische Gewordene in ihren Bedingtheiten zu verstehen und sie auf die Gegenwart hin zu reflektieren. Beispielsweise sind unsere heutigen, auch säkularen Moralvorstellungen unverkennbar durch religiöse Traditionen und Überzeugungen geprägt; auch sie gehören auf den Prüfstand kritischer, theologisch geleiteter Vernunft.
Die Theologie bewegt sich grundsätzlich im Spannungsfeld von Wissenschaft und Kirche. Indem sie die Sinngehalte des Glaubens der kirchlichen Glaubensgemeinschaft nach allen Regeln der Vernunft argumentativ zu verantworten und stimmig darzustellen hat, kommt ihr in zweierlei Hinsicht eine Doppel-Funktion zu: Einerseits begleitet sie die kirchliche Praxis, inspiriert sie mit kreativen, spirituellen Glaubensformen, versucht aber andererseits das Abgleiten in fundamentalistische Glaubenszirkel zu verhindern, die sich jeglichem Dialog und aller Auseinandersetzung verweigern. Dies schliesst selbstverständlich eine faire, kritische Begleitung kirchlicher Amtspersonen sowie die Hinterfragung von Lehramtspositionen nicht aus. Dies gehört von alters her zur «königlichen» Aufgabe der Theologie. Und zudem besteht ihre Aufgabe darin – das ist die Perspektive nach aussen –, aus der Beobachterperspektive die Meinungs-plurale und die religiös diverse Gesellschaft kritisch zu verfolgen. Damit leistet sie im Sinne des Staates einen Beitrag für das friedliche Zusammenleben einer in sich grundsätzlich politisch, moralisch und religiös gespaltenen Gesellschaft. Sie mag dies schlecht und recht wahrnehmen, gäb’s dies nicht mehr, würde in meinen Augen Wesentliches fehlen.