Wanderer durch Zeiten und Kirchen
Heute ist der Kapuziner Pavol Šajgalík (13.11.1964) Militärbischof in der Slowakei, Staatsangestellter. In den Kapuzinerorden trat er im Verborgenen ein. Hinter dem Eisernen Vorhang lebte er seinen Glauben in geheim praktizierenden Kreisen der katholischen Kirche der Tschechoslowakei. In der Schweiz war er von 2019 bis 2024 für slowakisch-sprechende Katholiken zuständig.
Freudestrahlend kommt Bruder Pavol Šajgalík am 20. Juni 2026 ins Kapuzinerkloster Wesemlin um endlich – nach der Bischofsweihe vom 18. Oktober 2025 – Abschied zu feiern. Es war einfach viel los. Kirchlich wie auch gesundheitlich war er gefordert in den letzten Monaten. Von 2019 bis 2025 lebte er zuerst in der Kapuzinergemeinschaft in Zürich Seebach, später gehörte er zu den Brüdern im Wesemlin, im Kapuzinerkloster in Luzern.
Eine Berufungsgeschichte
„Ich bin aufgewachsen noch in den Zeiten des Kommunismus, also im realexistierenden Sozialismus, im Untergrund, in einer Familie, die zur Kirche gegangen ist, aber ich habe nicht so grossen Wert daraufgelegt», beginnt Bischof Pavol Šajgalík seine Erzählung. Erst im Gymnasium habe er Freunde gehabt, bei denen er plötzlich realisiert habe, dass sie ein völlig anderes Leben führten, im Sommer gemeinsam in ein Lager gingen und im Winter Skifahren gingen. Was waren das für Menschen?
Eines Tages habe sich bei ihm einer vorgestellt, ein geheimer Priester. Das war interessant und wichtig für den Gymnasiasten. «Ein junger Mensch braucht Begleitung» reflektiert der Kapuziner diese Jugenderfahrung. Es war damalsnkeine Pfarreierfahrung, sondern ein Kapuziner, Bruder Johannes, der Pavol, Jugendliche modern begleitet hatte. Die Öffentlichkeit durfte damals nichts davon wissen. Darum haben die Brüder zivil gearbeitet. «Nicht einmal meine Eltern wussten davon, als ich Kapuziner wurde.» Pavol Šajgalík studierte Elektrotechnik an der Hochschule, da es damals in der Tschechoslowakei keine Universitäten dazu gab, und nur im Hintergrund Theologie – sein Glauben musste geheim bleiben. Kapuziner werden wollte er, weil er so den Jugendlichen helfen konnte.
Zeiten der Wende
Bruder Pavol war Kapuziner, aber noch nicht Priester, als 1989der Eiserne Vorhang fiel. Das Theologiestudium im Untergrund war lückenhaft und studieren nicht einfach. Lachend meint heute Pavol: «Ich war auch etwas faul im Theologiestudium». Nun, er hatte ja noch ein anderes Studium zu absolvieren und dann offiziell zu arbeiten, damit keine staatlichen Stellen verdacht schöpfen konnten. Priesterweihen fanden meistens in Polen statt.
Nach der Wende durfte der junge Kapuziner in Wien weiterstudieren und dann beim berühmten Pastoraltheologen Paul Michael Zulehner doktorieren. Sein Thema war eine vom Staat Tschechoslowakei gegründete regimetreue katholische Gruppe, die sich Pacem im terris nannte – ist nicht mit der gleichnamigen Enzyklika von Papst Johannes XIII. zu verwechseln. Da wohnte er bei den Kapuzinern in Wien, damals noch eine österreichische Kapuzinerprovinz, und lernte das österreichische Kirchensystem kennen.
Bratislava – Slowakei
Nach der Wende gab es keine Tschechoslowakei mehr, aber Tschechien und die Slowakei. Pavol Šajgalík kam nach seinen Studien in Wien nach Bratislava, wo er von 1993 bis 2019 lebte. Er war unter anderem Guardian und von 1993 bis 2005 Provinz-Sekretär der Kapuziner Tschechiens. Junge Kapuziner konnten damals, weil es ältere Brüder nicht gab oder es nicht wollten, interessante Leitungsaufgaben.
Anschliessend arbeitete er als Priester in der slowakischen Militärdiözese und als Kaplan der Polizei von Bratislava. Dies scheint im eine Spezialität des slowakischen Kirchen- und Staatssystems zu sein, dass Priester von der Polizei angestellt und bezahlt werden.
Eine Mission im Ausland
Schweizer Missionare gingen früher in den Süden. Bruder Pavol wurde zuerst eine Mission in Kanada vorgeschlagen. Mit der Zustimmung der Ordensoberen ging es jedoch nach Zürich für die Katholische Slowakenmission. Zuerst lebte er in der Kapuzinerniederlassung in Zürich Seebach, nach dessen Auflösung gehörte er zur Gemeinschaft im Kapuzinerkloster Wesemlin.
Die Schweiz hat sich Bruder Pavol nicht gesucht, doch fand er da eine sehr lebendige slowakische Gemeinschaft, verstreut im ganzen Land. Gewiss gab es da auch Schwierigkeiten, doch war es zuerst einmal eine gute Erfahrung für ihn.
Kasten
Kirchenerfahrungen
Vor der Wende waren wir alle begeistert. Da es keine Institutionen gab, musste die Begeisterung das Leben tragen. Es hat Spass gemacht und gelebten Widerstand gegen den Staat – für junge Menschen auch interessant und herausfordernd. Angst kannte er damals nicht. Nach der Wende herrschte ein organisiertes Chaos. Eine neue Kirche entstand in der Slowakei zehn Jahre später nach dem Millenium. Die ehemalige Begeisterung hat sich in Institutionen verwandelt. Für Kapuziner entstand da die Herausforderung eine Kapuzinergemeinschaft zu werden und nicht eine Institution.
In Wien erlebte Bruder Pavol erstmals eine institutionelle und traditionelle Kirche. Die Menschen gingen in die Messe, weil es Brauch ist und sich gehört. Erstmals hörte er Menschen sagen, diese Institution brauche ich nicht. Auch gab es da plötzlich Bischöfe, was es in der Slowakei vor der Wende nicht mehr gab. Die Schweiz mit dem dualen Kirchensystem ist wiederum völlig anders. Dies zu verstehen war zu Beginn sehr schwierig. Theoretisch scheint dem Kapuziner das duale System eine optimale Lösung zu sein. Einen grossen Unterschied erlebte der Slowakenmissionar darin, dass in der Slowakei der Priester Menschen anspricht und handelt, in der Schweiz sind es die Laien, die mit Ideen kommen und den Priester beauftragen. «Manchmal funktioniert das sehr gut, manchmal ergeben sich auch Spannungen.»
Was fordert ein Militärbischof
Ein Militärbischof hat wenig mit Pastoral zu tun, vor allem mit Jugendpastoral. Als Staatsangestellter hat man viele Verwaltungsaufgaben. Das scheint jedoch in allen Ordinariaten der Welt so zu sein. Die Verantwortung umfasst auch viele Mitarbeitende. Das Ordinariat hat 16 Angestellte sowie 63 Priester und Diakone sowie Freiwillige.
Spannend empfindet es Bischof Pavol in einem Milieu zu arbeiten, wo nicht alle Menschen von der Kirche begeistert sind, aber trotzdem mit der Kirche ins Gespräch kommen. In einer Pfarrei hat man vor allem mit kirchlich interessierten Menschen zu tun. Wenn der Kapuziner bei Soldaten, Polizisten, Feuerwehrleuten sowie bei Rettungsleuten auftaucht, dann redet er zuerst einmal mit Kollegen. Da gibt es auch Kontakte mit nichtkirchlichen Menschen. So kann man Vorurteile abbauen. Diese Situationen ermöglichen einen guten Dialog mit der Welt.
Bruder Pavol, der Kapuziner
Der Nuntius gab vor einem Jahr Pavol Šajgalík ein hölzernes Kreuz als Pektorale (bischöfliches Brustkreuz). Darum trägt er heute dieses Holzkreuz, was immer wieder zu fragen animiert: «Wieso tragen sie kein goldenes Pektorale?» Lachend antwortet der Kapuziner: «Jesus wurde ja auch nicht an einem Goldbalken gekreuzigt». Ja und wichtig sei ihm ja vor allem, Kapuziner zu sein. Auch als Bruder Bischof. Leider habe er im Moment nicht mehr viel Zeit für die brüderliche Gemeinschaft, doch ist es ihm sehr wichtig, in einer Zeit, wo viele Kriege herrschen, zu zeigen, dass man nicht nur militärisch denken kann; dies auch als Militärbischof.
Dieser Artikel von Bruder Adrian Müller wird im Herbst 2026 in ITE 2026/4 veröffentlicht werden. Sie auch die Klosterhomepage von Luzern.